Conrad Bölicke über Olivenöle und Stiftung Warentest

Schön, dass die Stiftung Warentest auch beim Olivenöl jetzt endlich genauer hinschaut.

Nahezu jährlich weisen kleinere Initiativen, Erzeuger-Verbraucher-Organisationen wie wir mit der arteFakt Olivenölkampagne, Slow Food, Öko-Test und das Magazin Merum wiederholt auf die umfangreichen Qualitätsmängel, die Verbrauchertäuschung durch Falschdeklaration oder sogar Fälschungen und Pantschereien beim Olivenöl hin. Unterstützung fanden wir hierbei durch die Stiftung Warentest bisher leider nicht. Im Gegenteil: In vielen ihrer Olivenöl-Tests wurden die billigen Olivenöle, insbesondere die der Discounter, immer zu Testsiegern gekührt. Ob das eine Markenstrategie zur Förderung des Heftverkaufs oder eben nur oberflächliche Testmethoden waren, die heutige „Billig-Food-Designer“ mit Leichtigkeit vor der Entdeckung zu schützen wissen, sei dahin gestellt. Alleine die in den nachfolgend dargestellten Pyramiden verarbeiteten Informationen über die tatsächliche Produktion und das reale Verkaufsangebot machen seit Jahren deutlich, dass Verbraucherschützer längst alarmiert sein müssten.

Olivenöl-in-Produktion-und-Handel

Nun wurden die Tests offensichtlich einmal in dem notwendigen Umfang durchgeführt, um diese Wirklichkeit auch nachzuweisen. Eine Kategorie „sehr gut“ konnte bei den untersuchten Olivenölen nicht ausgemacht werden und nur eines wurde für „gut“ befunden. Es ist dann aber auch nur zum Preis von 40,00 Euro pro Liter zu bekommen. Mit diesem Ergebnis reiht sich nun auch die Stiftung Warentest in die Reihe derer ein, die schon lange darauf hinweisen, dass ein gutes Olivenöl nicht zum Discountpreis erzeugt werden kann, und erst recht keines der höchsten Güteklasse.

Woher die Fremd- und Schadstoffe kommen

Die vielen nachgewiesenen Fremd- und Schadstoffe weisen nach meiner Erfahrung darauf hin, dass die Olivenöle in den Flaschen über viele Transport- und Handelsstufen von Ölmühlen aus allen Ecken der mediterranen Olivenanbauländer zusammen gesammelt und aufgekauft wurden. Gerade weil den Erzeugern für ihre Olivenöle nur lausig niedrige Preise zwischen 1,80 und 3,50 €, je nach Land und Region, dafür geboten werden, fehlt es ihnen an Innovationskraft und Engagement zur Modernisierung ihrer Produktionsstätten. Da tropft das Schmieröl in die Ölwannen, es werden billige und ungeeignete Plastiktanks zum Lagern verwendet, entweder nie gereinigt oder fettlösende Reinigungsmittel verwendet, die eher für Werkzeugmaschinen gedacht sind. In vielen Mühlen fahren keine Elektrofahrzeuge sondern Dieseltrecker oder Diesel-Gabelstapler. Im überwiegenden Teil der heutigen Mühlen würden Besucher nicht erahnen, dass dort Lebensmittel produziert werden.

Die Olivenölverordnung selbst, die in diesem Jahr ihren unrühmlichen 50sten Geburtstag feiert, trägt ein gerütteltes Maß Mitschuld an der Misere. Sie ist in ihrer heutigen Ausformulierung der Ausdruck von Lobbyinteressen der Großabfüller und der wenigen den Markt beherrschenden Konzerne. Warum das zu kritisieren ist und warum die Olivenölverordnung die Interessen der Verbraucher und der Kleinerzeuger nicht schützt, habe ich mit einer Petition zu ihrer Abschaffung ausführlich begründet.

Olivenöl Petition

6 Gedanken zu „Conrad Bölicke über Olivenöle und Stiftung Warentest“

  1. Guten Tag, Hallo,
    könnte das Olivenöl von Artefakt tatsächlich die
    Alternative zu Biosupermarktölen etc. sein???
    Wie können Sie garantieren, dass bei Ihren
    Produzenten nicht gepanscht, keine mit Maschinen-
    öl verschmutzten Oliven verarbeitet werden?

    Mit freundlichen Grüßen

    Franziska Evers

    1. Weil wir selbstverständlich nicht aus der Ferne Olivenöl kaufen, um es wieder zu verkaufen, sondern weil wir in jedem Jahr bei der Ernte vor Ort mit dabei sind. Wenn man zusammen erntet, zusammen das Olivenöl presst und dann verschwitzt zusammen am Küchentisch isst, dann weiß und sieht man alles. Oft begleiten uns dabei auch arteFakt- Freunde und Kunden, aber weil es nicht alle können, lassen wir alle Olivenöle dann noch mit umfangreichen Analysen von einem externen Labor untersuchen. Die Ergebnisse veröffentlichen wir dann im Originalprotokoll in unserem Internetshop bei den jeweiligen Olivenölen unter der Rubrik „Testergebnisse“.
      Keinesfalls darf man wohl alle Olivenöle nun unter den Generalverdacht der Belastung mit unerwünschten Fremdstoffen stellen. Bei denen die Herkunft allerdings durch viele Händlerstationen gehen, bis sie irgendwo als Mischung abgefüllt werden, da würde ich vorsichtig mit der Aussage sein. Dabei ist es dann aber wohl egal, ob es bio oder konventionell ist, wenn sie denn in der gleichen Struktur der Entfremdung vom Ursprung hergestellt und vermarktet werden.

  2. Sehr geehrter Herr Bölicke,

    interpretiere ich denn die Analyse in https://www.artefakt.eu/pdf/Analyse/Analyse_2020_No11_gruen.pdf dahingehend richtig, dass der nachgewiesene Anteil von MOSH/POSH mit 37mg/kg deutlich über dem Orientierungswert von 13 mg/kg liegt? Ähnliches gilt für MOAH, dass eigentlich nicht nachweisbar sein sollte, aber im Produkt mit 2,3 mg/kg vorkommt. Aufgrund des obigen Artikels würde ich annehmen, dass Sie auf eine Einhaltung dieser Werte achten, auch wenn hier nur Orientierungswerte vorgegeben sind. Wie ist denn der Verkauf dieses Öls dann zu rechtfertigen?

    1. Guten Tag Herr Scott,

      Sie lesen die Analyseergebnisse richtig, die angeführten Werte sind von EUROFINS so ermittelt worden. Die Interpretation der Ergebnisse und ein daraus folgender Handlungsdruck sind von komplexerer Natur. Um es vorweg zu nehmen halten wir den Verkauf für zu rechtfertigen, da alle Grenzwerte eingehalten werden. In langer Tradition des solidarischen Miteinanders legen wir auch Probleme oder neue Herausforderungen offen, arbeiten gemeinsam an Lösungen und informieren darüber transparent. Das ermöglicht auch die Haltung zu individueller Entscheidung darauf zu reagieren, z.B. zunächst abzuwarten bis die Lösung gefunden und umgesetzt ist oder aber es bis dahin auszuhalten. Grenzen setzen wir uns allerdings dann, wenn Gesetze nicht eingehalten werden können, dann würden wir die Angebote aussetzen.

      Das MOAH und MOSH/POSH-Thema ist ein junges und findet im Moment in Deutschland besondere Beachtung und in den anderen Ländern der EU trifft es eher auf Unverständnis. Das besagt zwar nichts über den objektiven Stellenwert oder der Berechtigung des Themas, verdeutlicht aber die Schwierigkeiten der Sensibilisierung und Kommunikation dazu mit Erzeugern und ihren beratenen Laboren in Ländern außerhalb von Deutschland. Weiterhin bereitet die Komplexität der Eintragungswege beachtliche Schwierigkeiten in der Vorsorge. Während die MOAH-Fraktion noch leichter zu identifizieren ist, ist es bei MOSH/POSH deutlich schwieriger weil sie oft schon als ubiquitäre Belastung vorkommen und erst ein sehr kleiner Teil der Eintragungswege erkundet und nachgewiesen ist.

      Für beide Fraktionen liegen keine Grenzwerte vor, aus den Fachdiskussionen haben sich Orientierungswerte ergeben, die ausdrücklich zu Minimierungsstrategien führen sollen und keine gesetzlichen Grenzwerte formulieren.

      Damit beschäftigen wir uns bereits schon seit einigen Jahren und konnten bereits etliche Wege des Eintrags identifizieren und unsere Partner daher die Quellen ausschalten. Das waren z.B. Jutesäcke, deren Imprägnierungsmittel Mineralölkomponenten enthalten, aber nicht deklariert sind. Viele Spritzmittel, auch solche, die für den Bio-Anbau zugelassen sind, basieren mit ihren Wirkstoffen auf Paraffin als Trägermaterial, auch das ist nicht im Beipackzettel deklariert.

      Von Josep Maria Mallafré erhalten wir fünf verschiedene Native Olivenöle Extra und sieben nativ aromatisierte Olivenöle und nur in der Position des Olivenöls No.11 grün wurde einzig und erstmals etwas von den beiden Fraktionen nachgewiesen. Das zeigt die Schwierigkeit des Auffindens der Quelle, weil es offensichtlich keine systematische ist. Hier beginnt eine recht mühsame Spurensuche, auch mit einer größeren Möglichkeit die Quelle nicht zu finden, weil sie durch ubiquitären Eintrag bei der nächsten Produktion eventuell nicht erneut vorkommt. Oftmals können wir also nur im Nachhinein, nach den Analyseergebnissen, darauf reagieren und die Suche beginnen. Die Qualität von Orientierungswerten rechtfertigt es nicht unsere Partner dafür in ökonomische Schwierigkeiten zu bringen.

      Der Umfang unseres Untersuchungsauftrags an EUROFINS liegt über den üblichen Standards zur Untersuchung von Olivenölen, das können sie dem Laborbericht entnehmen. Dabei liegen die Bestimmungsgrenzen, des von uns beauftragten Labors, niedriger als es die, die von der Länderarbeitsgemeinschaft Verbraucherschutz Arbeitsgruppe Lebensmittel-und Bedarfsgegenstände, Wein und Kosmetika(ALB)Lebensmittelverband Deutschland e.V. als Orientierungswerte für Mineralölkohlenwasserstoffe(MOH) in Lebensmitteln angesetzt werden. Als „nicht bestimmbar“ (n.b.) werden dort Gehalte bei einer Bestimmungsgrenze von 2 mg/ kg verwendet. Dies bedeutet, die Ergebnisse für MOAH der Kettenlänge C25-35 von 1,8 mg/kg liegen unterhalb der angesetzten Bestimmungsgrenze und somit auch für die Kettenlänge C10-50. Unter Berücksichtigung der Fehlertoleranz in diesen Dimensionen hätten andere Labore die 2,3 mg/ kg für MOAH als „n.b.“ eingetragen. EIROFINS kann aber mit niedrigeren Bestimmungsgrenzen arbeiten, analysiert die Kettenlänge bis C60 und legt daher „schärfere“ Maßstäbe an.

      Mit der Veröffentlichung der ungekürzten Laborberichte möchten wir Ihnen die Transparenz dafür geben, dass die Oliviers und wir ernsthaft und gewissenhaft an der Qualität arbeiten. Dazu zählt aber auch, dass neue Herausforderungen nicht immer auf „Knopfdruck“ gelöst werden können, sie sollen gerade dann aber nicht verheimlicht werden. Die Suche nach der Quelle der Spuren beider Fraktionen nur in dem Olivenöl No.11 grün ist seit dem Nachweis im Gange, fündig sind wir noch nicht geworden. Die ersten Partien der nächsten Ernte werden wir sogleich begleitend analysieren lassen und hoffen, dass es uns dann dabei gelingt.

      Conrad Bölicke

      1. Sehr geehrter Herr Bölicke,

        vielen Dank, dass Sie sich Zeit für diese umfangreiche Antwort genommen haben. Die beschriebenen Zusammenhänge sind für mich als Laien erstaunlich. Es war reiner Zufalln, dass ich mir die Analyse zum Öl Nr. 11 als erstes anschaute und dann gleich auf die problematischen Rückstände stieß.

        Die Berichterstattung in der Vergangenheit und die dabei zutage getretenen großen und kleinen Skandal um das Olivenöl haben mich dazu gebracht, kein Olivenöl mehr ohne Deklarationen und Analysen zu kaufen. Sie können sich vorstellen, dass das auch bei Direktvermarktern schwierig ist. Insofern kann ich Sie nur ermutigen, den eigenschlagenen Weg der Sorgfalt und Transparenz weiterzugehen. Ich kann mir denken dass Sie dabei in allen Richtungen auf Hürden stoßen. Aber ich bin mir sicher, dass es außer mir noch sehr viele Kunden gibt, die sehr dankbar dafür sind.

        Eine Frage habe ich noch: Gehe ich recht in der Annahme, dass alle Ihre bei Eurofins geprüften Öle auch nach CON-PV 01317 analysiert werden und in jenen Analysen, in denen Minerölkohlenwasserstoffe nicht ausgewiesen sind, keine gefunden wurden? https://www.artefakt.eu/pdf/Analyse/Analyse_2020_No11_fruchtig.pdf wäre ein Beispiel dafür.

        Danke und alles Gute,
        Scott

  3. Sehr geehrter Herr Scott,
    vielen Dank für Ihren weiteren Kommentar. Ja Sie haben recht, die CON-PV 01317 ist die verwendete Methode, die auch auf unseren Prüfberichten angegeben ist. Unter dem folgenden Link sehen sie die Methode auf der Akkreditierungsurkunde von EUROFINS aufgeführt.
    https://cdnmedia.eurofins.com/eurofins-germany/media/2850703/eurofins_wej_contaminants_akkreditierung_17025_anhang_de.pdf

    Nun zu Ihrer zweiten Frage, wie schon Herr Bölicke geschrieben hat, haben wir erstmals in einen Olivenöl von Josep Maria Mallafré einen positiven Befund. Da wir verschiedene Olivenöle von diesem Erzeuger erhalten, jedoch die Sorte (Arbequina), das Anbaugebiet und die Mühle und somit die Technologie identisch sind, haben wir uns entschieden MOSH/MOAH nicht in allen seiner Olivenöle zu untersuchen. Auch um die Analysekosten in einem unternehmerisch vertretbaren Rahmen zu halten und dieses Budget möglichst effizient zu nutzen. Bei der MOSH/MOAH Problematik geht es um Minimierungskonzepte und ich kann Ihnen versichern, dass wir bei der nächsten Ernte die Analysen auf MOSH/MOAH bei der No. 11 erweitern werden, um die Eintragswege zu ergründen und eine größtmögliche Transparenz bei unseren Produkten zu bieten.

    Beste Grüße und alles Gute,
    Christoph Sippel

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